Mein Elternhaus möcht ich noch einmal sehen…

…ok, es ist nur eine Wohnung….aber die wird nun verkauft, weil sich meine Mutter selbstständig entschlossen hat, in ein Wohnheim zu ziehen. Respekt vor diesem Schritt.

Ich sehe den Verkauf natürlich völlig emotionslos, wie es eben meine Art ist. Wie ein vernünftiger Mann eben. Man darf nicht vergessen, es handelt sich im Prinzip ja nur um Wände und ein Mobiliar, Dinge eben. Und um die muss man nicht trauern.

Sicherheitshalber gehe ich nochmals in die Wohnung..nein, nicht um Abschied zu nehmen, das wäre ja sentimental. Nein, vielleicht findet sich noch etwas was ich vergessen habe.

Ich fahre im Aufzug hoch. Wie klein er ist. Als Kind schien er viel grösser zu sein, als ich mich dort manchmal vor den stärkeren Burschen aus der Nachbarschaft versteckt habe. Naja, längst vergessen.

Ich betrete die Küche. Ach ja, gemeinsame Mittagessen am Wochenende, Vokabel lernen mit meiner Mutter (also, ich musste lernen, und sie hat mich abgefragt), die Benutzung der Mikrowelle, als meine Mutter wieder berustätig wurde, das Warten auf das Christkind (fand tradtionell immer in der Küche statt), die Verkündigung „ich habe jemanden kennengelernt!“ an meine Familie bei einem Abendessen (meine Maus, auch schon wieder 13 Jahre her)…ich gestatte mir in einem Moment der Schwäche ein paar Gedanken an die Vergangenheit.

Nun gut, das Wohnzimmer. Was gibt´s da schon gross zu sehen. Sofa und Sitzmöbel sind ja mehrmals erneuert worden. Ok, den Tisch gibts schon seit ich mich erinnern kann…unzählige Familienfeiern hat er wohl erlebt. Vor 21 Jahren hab ich dort für meine Matura gelernt, weil mein Schreibtisch zu klein war. Wieviele Spielesessions mit dem guten alten Commodore 64 hab ich wohl hier verbracht? Sie wären ohnehin kaum zu zählen. Achja, witzigerweise fällt mir jetzt „Dallas“ ein, eine der enigen Fernsehserien, die damals die ganze Familie zusammen vor den Fernseher und um den Tisch gebracht hat? Und was ist das für ein kleiner Fleck am goldenen Fuss des Tisches? Der stammt tatsächlich noch von meinem 1984 verschiedenen Wellensittich „Pipsi“, der dort immer gespielt hat, weil ihm sein Spiegelbild dort offenbar immer so gut gefallen hat…Naja, mann wird sich doch erinnern dürfen. Und hier, die Ecke, in der der Christbaum immer stand…

Ich flüchte ins Schlafzimmer meiner Eltern, dort sollte es ja nun wirklich nichts für mich geben. Ok, das fach, in dem früher meine Baukästen waren, mit denen ich so gerne gespielt habe. Längst vergessen. Ach ja, und hier das Fach, in das ich meine Computerspiele mangels Platz ausgelagert habe. Soso. Oh, und hier das Fach, in das ich meine gesammelten PM und Computerhefte Hefte gestapelt habe…ok, nicht nur PMs. In jungen Jahren war auch das eine oder andere „Praline“ Heft, das ich dort versteckt habe. Unvergessen der Tag, als ich einmal während des Bundesheeres für ein Wochenende nach Hause durfte und meine Mutter meine Abwesenheit genutzt hatte, meine vermeintlich chaotische Sammlung zu ordnen. Und so lag dann alles schön gebündelt, und die Praline Hefte ganz oben. Und natürlich alles noch schön beschrifttet. WAR MIR DAS PEINLICH!!!! Aber meine Mutter hat kein Wort gesagt, was ic ihr auch bis heute hoch anrechne :-))

Nun gut, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen gehe ich in mein altes Kinderzimmer. Die Erinnerung bricht wie eine Welle übermich herein. In der einen Ecke schlief meine Schwester, in der anderen ich – Streit war vorprogrammiert. Das wir beide noch leben, verdanken wir dem diplomatischen Geschick meiner Mutter. Da, meine Bücherwand! Ok, sie ist schon leer, und die wichtigen Bücher habe ich ja schon lange zu mir genommen. Aber es war der Quell meines Wissens damals. Mein alter Schreibtisch. Wie viele Tränen sind auf der Oberfläche schon getrocknet, verursacht durch quälende Mathe-Aufgaben und ähnliche Nettigkeitem. Für wieviele Prüfungen habe ich hier gelernt. Und damals, 1991, stand mein erster PC hier. Und dann der zweite. Und der dritte. Mein Einstieg in die Telekommunikation fand hier statt…1993 mit einem Telefonmodem und dem leider schon vergessenen Fidonet. Wie oft habe ich das Telefonkabel aus dem Kinder- in das Vorzimmer tragen müssen, damit ich es ans Telefon anschliessen konnte. Sehr zur Freude meiner Eltern, die dann nicht telefonieren konnten. Wie oft habe ich des Nächtens den PC aufgedreht, nur weil ich auf eine Antwort aus dem Fidonetz so neugierig war? Und dann, am 1.1.1995 – mein Start ins Internet fand hier statt. Genau hier. Mit einer lausigen Telefonverbindung ins IBM Global Network.

Ich sinke auf meine Couch. Oh Gott….auf dieser Couch habe ich gelernt, gelebt, geliebt, geschlafen….sie war mein Rückzugsort in den Stürmen des Lebens. Und das kauft jetzt jemand anderer? Ich bin ausser mir, Schaum bildet sich vor meinem Mund. Wie kann er es wagen?

Stille.

Ich sehe meine Mutter vor mir, wie glücklich sie war, einen Platz in dem von ihr favorisierten „Haus zum Leben“ gefunden zu haben. Dass sie immer gesagt hat, sie möchte diesen Schritt setzen, solage es ihr gut geht. Und nicht, dass sie dazu gezwungen werden muss, wenn es vielleicht einmal gesundheitlich nicht anders geht. Und dass ich verdammt dankbar sein kann, so eine Mutter zu haben (ganz zu schweigen von ihrer Diskretion hins. der Praline Hefte)

Mir wird klar, dass auch das ein Teil des Titels dieses Blogs ist…Wolfgangs Weg. Mit dem Verkauf der Wohnung geht wieder ein Abschnitt zu Ende, dafür beginnt ein neuer. Solange ich mich an die vielen schönen, aber auch an die weniger schönen Erlebnisse hier erinnern kann, ist nichts vergessen und lebt weiter.

Ich stehe auf…atme tief ein und sauge noch einmal alles im mich auf, nehme alle Gedanken mit. Ich verabschiede mich, bedanke mich, gebe die Wohnung frei. Ich wünsche dem neuen Besitzer, dass auch er viel Freude an ihr haben und viel Schönes erleben wird.

Ein letzter Blick, ein letztes Streicheln der Couch, des Türstocks….und ich bin wieder bei der Tür. Ich ziehe sie hinter mir zu. Vom Stiegenhaus aus sehe ich den Hof mit der Klopfstange, die als Kind immer unser Treffpunkt war. Ein letzte Blick zum Fenster hoch…dann bin ich schon auf der strasse.

Ich glaube, ich werde heute meine Mutter anrufen. Unser wöchentlicher Kaffee wäre eigentlich fällig.

Zwar noch nicht Muttertag, aber doch…

Ich möchte heute ganz gerne ein paar Zeilen über meine Muter schreiben.

Wir haben uns heute vormittag auf einen Kaffee in meinem Stammcafe getroffen. Während Sie mir erzählt hat, dass sie sich zu Ihrem 70iger nächstes Jahr von uns einen Laptop mit Internet wünscht (weil ihr internet-cafe nämlich zusperrt), ist mir wieder mal klar geworden, wie viel sie mir bedeutet und wie dankbar ich bin, dass es ihr gut geht.

Nach dem Tod meines Vaters vor nun bald 10 Jahren hatten wir grosse Angst, dass sie das Alleinsein vielleicht nicht überwinden könnte. Es waren damals schwierige Umstände, sie hat meinen Papa bis zuletzt gepflegt.  Meine Schwester und ich haben sie abwechselnd und oft besucht, bis sie uns erklärt hat, dass das Leben nun weitergehe und dass wir Kinder nun wieder unser eigenes Leben leben sollen.

Wir haben ihr damals Mut gemacht, ihre nach Canada ausgewanderte Schwester zu besuchen. Das war auch damals, anno 2000,  ihr Einstieg ins Internet. Ich weiss noch, wie wir zusammen in einem Internetcafe waren und uns die Homepage der kanadischen Heimatstadt meiner Tante angesehen haben. Ich habe sie dann auch zum Flughafen gebracht, sie war ziemlich aufgeregt…der erste Flug und dann gleich so weit. Ich seh heute noch vor meinen Augen, wie sie durch die Zollkontrolle gegangen ist und ich zurückbleiben musste…aber es ist alles gut verlaufen, die Reise ist sehr gut verlaufen und hat ihr viele schöne Erlebnisse gebracht.

Wieder zu Hause, hat sie hat dann versucht, so viel wie möglich aus dem Haus zu kommen…Kurse an der VHS, Seniorenvereine, Vorträge usw.

Und wie ist es heute?
Surfen, emailen, googeln…alles kein Problem. Zwischenzeitlich ist sie eine gefürchtete Leserbriefschreiberin bzw Teilnehmerin an diversen Foren. Leider hat ihr Internetcafe zugesperrt, daher ihr Wunsch nach einem Laptop. Zwischenzeitlich geht sie „zur Überbrückung“ in eine städt. Bücherei…unser Angebot, den Kauf des Laptops vorzuziehen, hat sie entschieden zurückgewiesen. Durch die Mitgliedschaft in Seniorenvereinen hat sie sich einen grossen Bekanntenkreis aufgebaut und ist oft unterwegs, Kurzreisen quer durch Europa. In ein paar Tagen bricht sie nach Amsterdam auf. Besuche meinerseits natürlich nur mehr gegen Anmeldung bzw haben wir dafür schon einen fixen Tag in der Woche reserviert…Ach ja, auch dem Glücksspiel frönt sie, wöchentlich gibt es eine Kartenpartie (dem Vernehmen nach wird aber nur um Streichhölzer gespielt :-))

Ich bin so froh, dass sie wieder so ins Leben zurückgefunden hat, und wünsche es ihr von ganzen Herzen, dass sie diese Zeit noch ganz ganz lange geniessen kann.