Reha Tag 11: Von Albträumen und Depressionsspiralen

Tag 11. Montag. Beginn der 3. Woche. Ich habe sehr schlecht geschlafen. Ich habe seit langem wieder von der Firma geträumt. Es war so real, so intensiv. Situationen, die dazu geführt haben, daß ich heute dort bin, wo ich bin. Kunden, die Druck machen. Angst und Anspannung sind wieder da. Der Traum wird mich den ganzen Tag begleiten. Unglaublich, welche Wirkung ein Traum haben kann.

Dennoch schaffe ich es, in der Früh Sport zu machen und pünktlich in die Reha zu kommen. Zu Beginn steht Bewegung am Programm, wir machen uns einen Gleichgewichtsparcour. Es ist recht lustig und lenkt mich vom Traum ab.

Die Spirale abwärts

In der Gruppenpsychotherapie geht es heute um die Frage, wie eine Depression entsteht. Wir lernen das Modell der Depressionsspirale kennen – anbei ein Bild meiner Kritzeleien:

Depressionsspirale
Depressionsspirale

Es beginnt schleichend. Man hat öfter negative Stimmung und sagt Aktivitäten ab („Ich will meine Freundin nicht anjammern etc“). Man neigt immer mehr zum Grübeln, die Stimmung sinkt. Man sagt am Ende alle zusätzlichen Aktivitäten ab, macht nur das Nötigste, wie Arbeit und Haushalt. Die Stimmung sinkt immer mehr, bis es nicht mehr geht. Man ist am Ende.

Was tut mir gut?

Wie entkommt man dieser Spirale? Die Therapeutin meint, daß am Anfang Aktivitäten stehen. Das kann Sport sein, Spazieren gehen, Freunde treffen, Hobbys…was einem guttut. Wobei sie einräumt: Am Anfang muß man mehr mit dem Kopf entscheiden, da die Lust für Aktivitäten noch nicht vorhanden ist. Sich selbst „Was könnte mir gut tun?“ fragen und dann kleine Schritte setzen.

Die Idee ist, daß die Stimmung der Aktivität nachfolgt. Wenn man ins Tun kommt, macht das etwas mit uns. Auch wenn es anfangs schwer fällt.

Es gilt, eine Balance zwischen Verpflichtung und Vergnügen herzustellen. Die Energie auf beide verteilen. Was ist wirklich wichtig? Kann ich die Verpflichtungen einschränken? Muss ich es selber tun? Was hat Priorität?

Wir hören vieles, was man „eh weiss“, aber sich zu wenig ins Bewusstsein nimmt.

3 Kommentare zu „Reha Tag 11: Von Albträumen und Depressionsspiralen“

  1. Das Bewusstsein dafür zu finden ist schwer.

    Ich hatte schon Erfahrung mit Dingen, die man sich nicht bewusst macht, zurückdrängt, mit Rückzug, als auf meiner vorigen Arbeitsstelle und partiell durch das Pendeln ein Problem begann. Ich habe dann gleich Hilfe gesucht, die Spirale verzögert, manchmal unterbrochen, manchmal bin ich wieder hochgeklettert. Ich war nicht bei „es geht nicht mehr“. Aber nahe genug dran.

    Ich verstehe gut das Problem, dass man das nicht sieht. In meinem Umfeld ist das einigen passiert.

    Ich wünsche Dir, dass Du Dinge findest, die die Stimmung bringen. Bei mir ist es das Laufen, teils auch tanzen gehen … aber ich weiß, dass jeder da sein Rezept braucht. Bei manchen (guten) Dingen hilft auch, sie regelmäßig zu machen, wenn sie sich für gut erwiesen haben. Gerade bei den guten Dingen ist es oft so, dass man sich ihnen aus Stimmung heraus entziehen kann. Da hilft Gewohnheit – mache das, was Dir gut tut, zu etwas, das schwieriger abzusagen als einfach zu tun ist. Funktioniert zumindest bei mir. Aber muss natürlich nicht für jeden so sein.

  2. Hallo Talianna, danke daß Du Dir die Zeit für diesen Kommentar genommen hast. Am Anfang war es schwer für mich, überhaupt Dinge zu finden, die Stimmung bringen. Der Arzt meinte „Machen Sie jetzt Dinge, die Ihnen Freude bereiten“ und ich bin zu Hause gesessen und hab mich gefragt, was das sein könnte…klingt komisch, ich weiß, wer aber bei mir so.

    Ich habe auch im Laufen bzw Sport allgemein so etwas gefunden. Und ich versuche, es immer gleich in der Früh zu tun, vor der Reha. Es ist nicht immer leicht, vor allem wenn die Reha später anfängt und man wirklich länger schlafen könnte. Aber hier hilft mir meine Partnerin sehr, mich zu motivieren. Und danach ist die Stimmung meist etwas besser. Und Du hast recht, es zu einer Gewohnheit zu machen, ist die Kunst. Lg Wolfgang

  3. Oh, ich habe in der Phase, in der ich hart an Depression+Überlastung vorbeigeschrammt bin, einige Dinge nur noch auf puren Krampf mit weiter gemacht und einige Male durchaus meine Mitmenschen ziemlich draus gebracht damit.

    Mein Mann und mein bester Freund spielen konsequent jeden Mittwochabend zusammen am Rechner. In der Hochphase meiner Probleme gab es einmal den Fall, dass unser aktuelles Spiel den anderen beiden langweilig wurde – und wir etwas neues ausprobierten. Da muss ich wohl … verdammt resigniert und dabei schwer zu ertragen gewesen sein. Ich habe gedacht, ich hatte mich damals „daneben benommen“, aber mein Mann und mein bester Freund waren wohl eher geschockt über die tiefe Negativität, die in mir wohnte, als ich mich nicht wie gewünscht instantan an das neue Spiel gewöhnte. Da war etwas regelmäßiges, das mir immer Freude bereitet hatte – und das tat es einfach nicht mehr. Ich konnte mich nicht mehr darüber freuen. Ich wollte es aufgeben, hinwerfen.

    Indes: Wir spielen noch immer jeden Mittwoch. Gemeinsam. Und inzwischen genieße ich es auch wieder. Vielleicht sogar mehr als die anderen – ich bin da sehr extrem – im nicht-mehr-genießen-können ebensosehr wie im genießen-können.

    Manchmal, vor allem wenn ich wieder mal höre: „Bei Dir wird das sicher gut, wenn Du ausgehst/tanzen gehst/etwas spielst, Du gehst das ja mit soooo einer Begeisterung an!“, denke ich mir wieder: „Ihr habt keine Ahnung, wie schwer es manchmal ist, so begeistert zu sein, aber ich brauch’s zum überleben.“

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