Reha Tag 6 – es geht um Achtsamkeit

Tag 6. Montag. Ich schaffe es in der Früh wieder ins Fitness-Center, immerhin ein erster Erfolg. Ich fühle mich etwas schlechter als in der Vorwoche, die Angst ist stärker. In der ersten Woche war so ein bisschen Aufbruchstimmung, und ich hatte das Gespräch mit meinem Vorgesetzten hinter mich gebracht. Aber egal.

Der Tag beginnt mit einer ärztlichen Untersuchung, Blutdruck wird gemessen, Lunge abgehört, Reflexe geprüft. Ich erzähle der Ärztin auch, dass es mir etwas schlechter geht.

Danach kommt die obligatorische Morgenrunde. Ich finde es schön, daß die Betreuer danach fragen, was wir am Wochenende gemacht haben.

Wie entsteht eine Depression?

Der erste Schwerpunkt des Tages ist die Gruppenpsychotherapie. Wir lernen bzw diskutieren, auch welchen Faktoren eine Depression resultieren kann. Es gibt Dinge wie Genetik, Charakter, Perfektionismus usw die schon immer da waren…und es gibt Faktoren, die den zu grossen Stress auslösen können. Arbeitspensum, Zeitdruck, Erwartungen, Veränderungen im Leben….Wir werden eingeladen, uns zu überlegen, welche Faktoren das bei uns sein können. Das ist auch eine der Grundlagen für die Einzeltherapie.

Wie bin ich achtsam?

Der größte Teil des Tages gehört der Achtsamkeit. Zu diesem Thema gibt es wahrscheinlich unendlich viele Bücher. Ich nehme für mich mit, daß Achtsamkeit viel mit „im Hier und jetzt sein“ zu tun hat. Und nicht werten. Und dass ist eines meiner Probleme: Meine Gedanken kreisen immer um die Zukunft und grübeln, machen sich Sorgen. Ich bin vergeßlich, weil der Kopf nie bei dem ist, was ich gerade tue.

Der Therapeut stellt uns 2 Übungen vor:

Atem wahrnehmen: Im Prinzip einfach Augen schliessen und auf den Atem achten…ihn nicht ändern, sondern nur beobachten. Es fällt mir schwer, ich zu konzentrieren, die Gedanken schweifen oft ab. Aber mit Übung sollte es besser werden.

Schwimmende Blätter im Fluss
Diese Übung soll negativen Gedanken die Bedeutung entziehen und das Grübeln unterbrechen. Man stellt sich einen Fluss vor, mit Bäumen am Ufer. Ab und zu fallen Blätter vom Baum auf den Fluss und werden vom Fluss weggetragen. Die Idee ist, die Gedanken, die man nicht haben will, auf die Blätter zu schreiben…und zuzusehen, wie der Fluß sie wegträgt.
Ich komme mit der Übung ganz gut zurecht, wie die meisten in meiner Gruppe. Allerdings spüre ich auch, daß manche Blätter wieder zurückkehren werden. Die Übung soll aber dazu dienen, sich für eine gewisse Zeit zu trennen.

Ich habe die Stunde als positiv empfunden, auch wenn ich am Anfang ein bisschen Probleme hatte, reinzukommen. Der Tag endet um 15:30.

 

 

4 Kommentare zu „Reha Tag 6 – es geht um Achtsamkeit“

  1. Achtsamkeit ist eine tolle Sache. Allerdings gibt es unzählige Wege zur Achtsamkeit.

    Für mich ist viel von dem „Hier und Jetzt“ im Zen, der sich mir über japanische Teezeremonie erschließt. Zur Achtsamkeit gehört aber auch so etwas banales wie: Am Konzert in der ersten Reihe das Konzert erleben. Nicht auf das Handy schauen. Nicht chatten. Nichtmal fotografieren. Sondern die Stimmung, die Musik, die Künstler auf der Bühne spüren.

    Da fällt mir Thoreau, zitiert von Reinhold Ziegler ein: „Nur so geht es, sagen wir. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, wie man einen Radius in einen Kreis einzeichnen kann.“

  2. Das kannte ich noch nicht – vielen Dank für den Link! Es erinnert mich aber an eine Geschichte über Sen no Rikyu, den Begründer des „Ritus“ der Teezeremonie, wie sie heute ist.

    Ein Schüler fragte Sen no Rikyu, was er beachten müsse, um eine perfekte Teezeremonie durchzuführen. Rikyu antwortete: „Bereite eine köstliche Schale Tee. Lege die Holzkohle so, dass sie das Wasser erhitzt. Ordne die Blumen so, wie sie auf dem Feld wachsen. Im Sommer rufe ein Gefühl von Kühle, im Winter warme Geborgenheit hervor. Bereite alles rechtzeitig vor. Stelle dich auf Regen ein, und schenke denen, mit denen du dich zusammenfindest, dein ganzes Herz.“
    Der Schüler kannte all diese Regeln schon und sagte das auch: „All das weiß ich bereits.“ Er suchte nach dem Geheimnis, das weiter darin steckte.
    Aber Rikyu antwortete ihm: „Wenn du also eine Teezusammenkunft leiten kannst, ohne von einer der Regeln, die ich nannte, abzuweichen, dann will ich dein Schüler werden!“

    Darin steckt für mich Achtsamkeit. Es ist vielleicht nicht so griffig, so reduziert formuliert wie auf dem „Glücksarchiv“.

    Durch das hochgradig ritualisierte, das in den Abläufen zwar logisch aufgebaut, in der Schönheit und den Feinheiten aber unheimlich „in der Gegenwart zu sein“ erfordert, eignet sich aus meiner Sicht Teezeremonie (wie viele andere meditative Dinge) zum Erlernen von Achtsamkeit. Die findet dann – beim Tee als „Chado“, als der „Teeweg“ in den Alltag hinein, bei anderen Arten, sich der Achtsamkeit zu nähern, eben entsprechend.

  3. Hallo Talianna, danke für den Einblick in die Teezeremonie! Ja, ich denke das ist ein Musterbeispiel für hohe Achtsamkeit, so wie Du es beschreibst. Lg Wolfgang

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